Der strapazierte Begriff
"Mensch-Hund-Beziehung"
Letztens war ich auf einer Wiese mit vielen Kaninchen. Mein Rüde giert gerne nach den Kaninchen. In dieser Situation habe ich ihm das Signal „Schau“ gegeben, damit er mich ansieht. Mein Kommando hat funktioniert! Voller Stolz habe ich meinen Max gelobt und ihm einen seiner Lieblingskekse gegeben. Da sprach mich eine nette Dame mit einem Golden Retriever an, was ich da mache.
Sie hat mir erklärt, dass bei ihr in der Hundeschule mit der Mensch-Hund-Beziehung gearbeitet werden würde und nicht mit Hilfsmitteln. Ein Hundekuchen sei hier überflüssig.
Diese Argumentation fand ich sehr spannend und wir entschlossen uns, den Weg gemeinsam fortzuführen. Ich fragte sie, was denn die Mensch-Hund-Beziehung genau sei? Das sei, wenn der Hund wisse, dass der Mensch sich um ihn kümmert und er sich deswegen um nichts Sorgen machen muss. Hat der Hund genügend Vertrauen aufgebaut, muss er weder Hasen jagen, noch andere Hunde anbellen oder andere Menschen übermäßig begrüßen. Er würde dann bei seinem Menschen nachfragen, ob er die Kaninchen jagen darf. Wenn der Mensch dann dem Hund signalisiert, dass dieses Verhalten nicht erwünscht ist, dann sieht der Hund ein, dass der Mensch es besser weiß. Er kann sich auf seinen Menschen eben verlassen und die Mensch-Hund-Beziehung stimmt.
Ich fragte nach, ob es dieses absolute Vertrauen denn überhaupt geben könne? Sie sah mich fragend und irritiert zugleich an, weil es bei ihrem Goldie ja funktioniert.
Ich versuchte, ihr zu erklären, was ich meine: Jeder Mensch hat eine andere Vorstellung davon, was gut und wichtig für ihn ist. Dem Einen ist es wichtig, ein Instrument zu spielen, der Nächste spielt lieber Fußball. Stellen wir uns vor, Eltern würden einem Kind, das gerne Sport treibt, das Musizieren nahe bringen wollen. Sie glauben, dass das Kind genügend Sport betreibt und lieber seine musikalischen Talente fördern soll. Die Eltern wünschen sich das Beste für ihr Kind und sind davon überzeugt, dass sie das Richtige tun. Das Kind ist mit dieser Entscheidung vielleicht weniger glücklich und es wird kaum Einsicht haben, dass das genau das Richtige ist.
Meine Argumente brachten das Golden-Retriever Frauchen zum Nachdenken. Sie erwiderte jedoch, dass man einen Hund nicht mit einem Kind vergleichen könne und fragte mich dann, warum ich meinen Max nicht einfach laut schimpfen würde, wenn ich es nicht haben möchte, dass er den Kaninchen hinterher läuft. Sie hätte damals gelernt, man solle den Hund für sein Fehlverhalten schimpfen, damit er lernt, was er nicht soll. Hat der Hund dann immer noch nicht verstanden, dass er nicht jagen soll, muss man ihm noch deutlicher klar machen, wer denn eigentlich der Chef ist und damit bestimmt, wo es lang geht.
Die Frage fand ich nicht leicht zu beantworten und stellte Gegenfragen: „Ob sie mit mir einer Meinung wäre, dass der Hund die Kaninchen sehr interessant finden könnte?“ „Ja“, antwortete sie mir. „Ob es natürlich wäre, dass ein Hund Beutetiere interessant findet?“ Auch hier kam als Antwort ein „Ja“.
„Ist es dann logisch nachvollziehbar, dass der Hund das tut, weil er mir zeigen möchte, dass ich nicht seine Chefin bin?“ Zögerlich erwiderte sie ein „Nein“.
„Ist es dann nicht besser, etwas anderes zu versuchen, als zu schimpfen und dem Hund zu zeigen, wer der Chef ist?“ Die Antwort dauerte länger, war aber auch „Ja, das ist schon richtig, aber man arbeitet ja dann mit Hilfsmitteln, wie stimmliches Lob und Leckerchen und nicht mit seiner Beziehung.“
Meine Antwort war, dass ich gerade nicht meine gute Beziehung zu meinem Hund aufs Spiel setzen möchte, nur weil mein Hund Kaninchen gerne jagt. „Schimpfen und Bestrafunghat doch immer eine Auswirkung auf die Mensch-Hund-Beziehung, genauso wie Belohnung.“
Wir schlenderten ein paar Minuten wortlos nebeneinander her, beobachteten unsere Hunde beim Spiel, als meine Weggefährtin nachdenklich zu mir meinte: „Aber es ist doch sehr viel Arbeit, auf diese Art und Weise zu trainieren, weil man dann ja schon sehr viel üben müsste, ohne zu wissen, ob der Hund ein Problem mit der Beziehung zu seinem Menschen hat.“
„Das stimmt“, pflichtete ich ihr bei, „aber es hat eine positive Auswirkung auf eine Beziehung. Training ist ja nicht nur Stress sondern auch sehr schön, wenn man die Erfolge sehen kann.“
Ich bat die Frau, darüber nachzudenken, ob gerade das Schlagwort Hund-Mensch-Beziehung nicht sehr strapaziert werden würde, um damit zu rechtfertigen, dass man nicht mit dem Hund trainieren muss. Jedem von uns ist klar: Wenn ich haben will, dass meine Hunde sitzen, dann muss ich ihnen das beibringen.
Mir ist aber auch klar: Wenn ich möchte, dass meine Hunde sich in bestimmten Situationen wieder auf mich konzentrieren sollen, dann muss ich ihnen auch das beibringen. Ich kann nicht erwarten, dass sie das einfach so machen, nur weil jemand sagt, dass das in einer guten Mensch-Hund-Beziehung so sei.
Warum ist das beim Sitz lernen nicht möglich? Ist Sitzen nicht viel einfacher, als sich von einem Kaninchen abzuwenden? Ich glaube, dass der Hund Kaninchen interessant findet ist ganz normal und hat mit unserer Beziehung wenig zu tun.
Eines ist mir nach unserem angeregten Gespräch allerdings klar geworden:
Der Begriff „Mensch-Hund-Beziehung“ ist ein Schlagwort, hinter der man alles oder auch nichts an Argumenten vermuten kann. Mit solchen „Worthüllen“ bin ich mittlerweile sehr vorsichtig und hinterfrage meinen Gesprächspartner, was er darunter versteht. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Training mit ihrem Hund und eine schöne Zeit!
Zur Person
Johanna von Isalohr
Johanna von Isalohr, 37 Jahre, lebt zusammen mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern, dem Weimaranerrüden "Max", Jagdhundmixhündin "Tinka" und ihrem Kurzhaarkater "Mogli" in Erlangen. Ihre Familie und ihre Tiere liegen Johanna sehr am Herzen.
Weitere Kolumnen von Johanna:
- Das eigene "Alpha-Tier" zähmen?
- Das Pareto-Prinzip
- Der strapazierte Begriff
"Mensch-Hund-Beziehung" - Freilaufende Hunde und ihre Menschen
- Führen, führen, führen - wer führt hier wen?
- Gibt es den richtigen Weg
der Hundeerziehung? - Gutes und schlechtes Verhalten
- Rassebeschreibungen verstehen
- Von Dominanz und Macht
- Von Hund' und Katz' - und was wir Menschen daraus machen?

