Vorführen oder
vorgeführt werden -
"Taschenspielertricks" bei Hundetrainern

Sicher haben Sie folgende Szene bereits einmal gesehen oder sogar selbst erlebt. Bei Videoportalen wie YouTube sind Clips dieser Art oft zu finden oder auch bei Vorführungen und bei großen Vorträgen von Profi-Hundetrainern, die gerne Ihr eigenes Können demonstrieren:
Ein Kunde befindet sich mit seinem Hund beim Hundetrainer seines Vertrauens. Der Hund soll etwas zeigen oder auch nicht mehr zeigen, tut dies bei seinem Halter aber nicht. Der Hundetrainer nimmt daraufhin dem Halter den Hund ab und demonstriert, wie man das richtig macht, wie man den Hund richtig motiviert, wie man ihn richtig führt. Die Zuschauer sehen, wie gut die Tricks der Hundeerziehung beim Profi selbst klappen, wie souverän der Trainer den Hund führt, wie leicht das ist und was man doch für ein fähiger Trainer ist, bei dem der Hund - scheinbar problemlos – funktioniert. Der Halter bekommt seinen Hund dann meist mit dem Rat sich ebenso souverän zu schlagen wieder in die Hände. Zurück bleiben im ersten Moment meist zutiefst beeindruckte Halter, die angeben ihre Hunde noch nie so aufmerksam oder gehorsam erlebt zu haben.
Wieso funktioniert nun der eigene Hund bei einem fremden Hundetrainer scheinbar so gut, ist es wirklich allein die Trainingstechnik des Trainers oder gar dessen Persönlichkeit? Und genau hier kommen wir auf die Metapher der "Taschenspielertricks" zu sprechen. Taschenspieler begeistern ihr Publikum mit verblüffenden Effekten, kleinen Spielereien, die auf Täuschung oder zumindest dem Weglassen eines Teils der Wahrheit beruhen. Wie funktioniert also die Vorführung aus unserer Startszene? Im Prinzip durch zwei einfache Effekte, die im folgenden veranschaulicht werden sollen.
Stellen Sie sich vor, Sie kommen in die Arbeit, in der gerade ein neuer Kollege angefangen hat. Wenn Sie ein offener Typ sind, gehen Sie gerne auf den neuen Kollegen zu, begrüßen ihn und sprechen mit ihm. Sind Sie eher zurückhaltend, behalten Sie ihn vielleicht neugierig oder interessiert im Auge oder erkundigen sich über ihn. Egal zu welchem Typ Sie gehören, der neue Kollege interessiert Sie, Sie sind neugierig, er hat Ihr Interesse geweckt – zumindest an diesem Tag mehr, als es vielleicht die altbekannten Kollegen tun, wie der schrullige Meyer oder die hilfsbereite Schröder. Denn dieser Kollege ist neu in Ihrer Welt.
Ähnlich verhält es sich mit anderen Lebewesen. Denn Furcht ebenso wie Neugier, also die Gier, das Interesse für alles was Neu ist, sind in der Natur wichtige Emotionen. Dies hat nichts mit Vermenschlichung zu tun. Emotionen gab es schon lange vor den ersten Menschen und sie sind nichts, worauf wir ein Vorrecht hätten. Ist Ihr Vierbeiner ein Menschenfreund, kennen Sie sicher auch folgendes und dies verstärkt den Effekt "Neu" noch weiter: In Gesellschaft anderer Menschen blüht Ihr Hund auf, jeder muss begrüßt werden. Futter und Spielzeug, welches von anderen Menschen angeboten wird, ist viel interessanter, als selbiges das von Ihnen präsentiert wird. Dies ist nichts schlimmes. Wie schlimm wäre es, wenn Ihr Hund in Ihrer Gegenwart immer aufgeregt sein müsste, weil Sie und alles was Sie tun für ihn stets etwas Neues ist.
Nein, dies – ich persönlich nenne es Vertrautheit – ist nichts schlimmes. Es beweist, dass Sie ein fester Teil in der Welt Ihres Hundes sind. Und das ist etwas Gutes. Nimmt Ihnen ein Hundetrainer nun Ihren Hund aus der Hand, ist dieser ein für den Hund neuer Reiz. Gehört Ihr Hund auch noch zu der menschenfreundlichen Sorte, ist der Reiz „neuer Mensch“ gleich noch einmal größer und attraktiver. Ihr Hund wird mit Neugier reagieren. Klar, dass es dem Hundetrainer in dieser Situation leichter fällt als Ihnen, das Interesse und damit die Aufmerksamkeit Ihres Hundes zu wecken. Ein professioneller Hundetrainer wird sich nicht auf diesem kurzweiligen Effekt ausruhen oder gar anfangen hier menschliche Wertvorstellungen oder Motive wie zum Beispiel: "Der ignoriert Sie mit Absicht", "Sie sind Ihrem Hund nicht wichtig", "Ihr Hund will Sie auf Ihren Rang verweisen" oder ähnliche Aussagen hinein zu interpretieren. Ein versierter Trainer weiß, es bringt Ihnen nichts, wenn Ihr Hund bei ihm aufmerksam ist. Er wird Ihnen beibringen, wie Sie selbst Ihren Hund in den unterschiedlichsten Situationen motivieren oder seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.

Je nach Hundetyp unterschiedlich stark ausgeprägt, spielt der zweite Effekt eine wichtige Rolle. Auch diesen will ich wieder an einem Beispiel erläutern.
Stellen wir uns nun vor, Sie sind der neue Kollege. Sie kommen in eine neue Abteilung, wissen nicht genau, was Sie dort erwarten wird. Treffen viele neue Menschen, bei denen Sie auch nicht wissen, was Sie von diesen erwarten sollen. Sie fühlen sich je nach dem, was für ein Typ Mensch Sie sind, aufgeregt bis unsicher. Zusätzlich reagieren Sie sicher in der Anfangszeit erst einmal abwartend und verhalten und gehen nicht gleich aufs Ganze. Hunde reagieren in einer solchen Situation ähnlich. Hier kommt nun die für das Überleben notwendige Emotion Furcht ins Spiel. Das Lebewesen, das sich blindlings in neue Situationen oder vor andere, neue Lebewesen wirft, wird nicht lange überleben. Und so reagieren auch die meisten Hunde in neuen Situationen unterschiedlich stark verunsichert und damit verhalten oder gehemmt. Ein Effekt, der einigen Hundetrainern besonders beim "Abgewöhnen" von unerwünschten Verhaltensweisen, gelegen kommt. Denn mit dem unbekannten Menschen an der Seite, dadurch vorsichtiger als bei Ihnen, wird das unerwünschte Verhalten häufig nicht so ausgeprägt gezeigt und lässt sich leichter abbrechen.
Ein seriöser Trainer demonstriert auch in dieser Situation nicht sein eigenes "Können" mit Ihrem Hund, sondern wird mit Ihnen gemeinsam an einer Lösungsstrategie für Sie und Ihren Hund arbeiten. Und auch hier wird er vermenschlichende Interpretationen, wie beispielsweise "der hat keinen Respekt vor Ihnen" meiden. Zum einen hilft Ihnen das in dieser speziellen Situation nicht weiter, zum anderen hat Respekt nichts mit Furcht zu tun. Dass Ihr Hund bei Ihnen unerwünschtes Verhalten ausgeprägter zeigt, kann auch ein Zeichen dafür sein, dass er sich in Ihrer Gegenwart sicherer fühlt, nicht gehemmt ist und deswegen deutlich nach Außen zeigt, was in ihm vorgeht. Auch dies ist nichts Schlechtes, im Gegenteil – jetzt brauchen Sie nur noch den passenden Trainer, der Ihnen gemeinsam mit Ihrem Hund zeigt, wie Sie Alternativen für dieses unerwünschte Verhalten finden, mit denen Sie sich beide wohl fühlen und die in Ihr gemeinsames Leben passen. Ohne, dass Ihr Hund das Gefühl der Sicherheit bei Ihnen verliert.
Lassen Sie sich also nichts vormachen und fragen Sie ruhig kritisch nach. Machen Sie es wie beim Hütchenspiel, bei dem ein kleiner Gegenstand unter einem der drei Becher versteckt wird und Sie ein gutes Auge beweisen müssen. Behalten Sie Ihren Hund während des Trainings gut im Auge, sehen Sie sich seine Körpersprache an. Was sie an Ausdrucksverhalten bei Ihrem Hund beobachten können ist nur ein kleiner Teil dessen, was wirklich emotional in ihm vor geht.
Überlegen Sie, wie Ihr Hund aussieht wenn er sich bei Ihnen wohl fühlt, entspannt und zufrieden ist. Versuchen Sie sich in Ihn hinein zu versetzen und überlegen Sie dann, ob der vom Hundetrainer gezeigte Weg, Ihr gemeinsamer Weg sein kann und soll. Und wenn es doch einmal nötig ist, dass Ihnen ein Hundetrainer etwas an Ihrem Hund demonstriert, vielleicht weil Sie Hilfe brauchen oder damit Sie anschaulicher verstehen, bestehen Sie darauf jeden Schritt erklärt zu bekommen und in die Vorführung mit eingebunden zu werden.
Zur Person
Barbara Wolf-Zimmermann
Barbara Wolf-Zimmermann, 34 Jahre, ist ein echtes Nordlicht und wohnt zusammen mit ihrer Familie in Hamburg. Vierbeiniges Familienmitglied ist der neunjährige Altdeutsche Schäferhundrüde Nepomuk. Die Realschullehrerin befindet sich gerade in Elternzeit und schreibt für die Easy Dogs Artikel über allerlei Nachdenkliches.
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