Erziehst du noch
oder glaubst du schon?

Erziehung ist out. Heutzutage werden Hunde nicht erzogen, sie werden “beflüstert”. Ihnen widmet sich ein Profi und der Hundehalter von heute begiebt sich auf Augenhöhe mit dem wilden Tier im Hund. Mit Hunden von heute wird kommuniziert. Man setzt Impulse.
Man glaubt, es könne nur eine bestimmte, gut durchdachte Philosophie Aufschluss über den hundgerechten Umgang mit Hunden geben. Möchte ein Hundetrainer als besonders kompetent betrachtet werden, muss schleunigst eine Philosophie her. Denn nur eine ganz individuelle, konkrete Philosophie unterscheidet einen Trainer doch von all den anderen Hundehaltern und Hundetrainern, die "einfach nur" erziehen. Ein schöner, knackiger, prägnanter Name rundet das Bild dieser "einmaligen" Philosophie ab.
Eine Philosophie gibt Trainern und Hundehaltern auch die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und sich zugehörig zu fühlen. Eine große Gemeinde. Sie können sich mit etwas Greifbarem identifizieren. Und sich darüber profilieren. Und wenn man einmal nicht weiß, warum man eigentlich etwas Bestimmtes tut, kann man sich zurücklehnen und sagen "Weil man das bei X-Y-Z eben so macht".
Eine Philosophie ist eigentlich eine schöne Sache. Jeder Mensch hat seine Philosophien im Leben - auch in Sachen Erziehung. Denn selbst wenn man meint, man hätte keine Philosophie, sind Einstellungen und Wertvorstellungen immer vorhanden.
Philosophie steht im Kontext mit der Gesellschaft und Philosophie ist nie beschränkt, sondern wird durch Hinterfragen und Ethik charakterisiert. Unglücklicherweise trifft man in der Hundeszene häufig auf den Begriff Philosophie, wo eigentlich Dogma stehen müsste.
Denn mithilfe der so genannten Philosophien wird dem Halter das Denken und Fühlen abgenommen. Wenn eine Trainingsphilosophie, ein Erziehungsansatz als "unantastbar" betrachtet wird, handelt es sich per Definition nicht um eine Philosophie, sondern um ein Dogma.
Was ist ein Dogma?
Ich habe hier tabellarisch zusammengetragen, was den Unterschied zwischen Dogma und Philosophie ausmacht.

- Textauszüge in der Tabelle wörtlich übernommen aus Wikipedia, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie und http://de.wikipedia.org/wiki/Dogma
Hinzu kommt, dass Hundehaltung nun einmal einen großen Konflikt mit sich bringt.
Der Hund war schon immer da. Der Hund gehört zum Menschen seit so langer Zeit, dass man sich eine Zeit ohne Hunde gar nicht vorstellen kann. Doch wen wir da als besten Freund an unserer Seite haben, das wissen wir nicht so genau. Ein Tier. Zumeist. Aber hin und wieder doch einen Freund. Einen Ersatz. Ein Hobby. Ein Objekt für Prestige. Eine Erfüllung. Eine Ergänzung. Einen Gebrauchsgegenstand. Einen Partner....
Ein Hund gehört so selbstverständlich an unsere Seite, dass es eigentlich keinen Grund gibt, darüber nachzudenken, wie man das Zusammenleben gestaltet und welche Wertvorstellungen Basis unseres erzieherischen Handelns sein sollen.
Und dann kommen die Probleme. Hunde haben Zähne. Hunde haben Ausscheidungsorgane. Hunde haben Bedürfnisse.
Da der Hund völlig selbstverständlich dazu gehört, kommt es uns sehr entgegen, wenn uns jemand sagt, nach welchen Dogmen das Tier am besten zu erziehen ist, damit es sich genau so optimal an unser Leben anpasst, wie es in unserer Vorstellung vom besten Freund des Menschen eben der Fall ist.
Eine Erziehungsphilosophie hingegen hilft dem Erziehenden, sich selbst zurechtzufinden und selbstständig Entscheidungen zu treffen. Eine Erziehungsphilosophie ist die Basis für das erzieherische Handeln. Eine Philosophie versucht zu deuten und zu verstehen. Per Definition wird Philosophie gerade dadurch charakterisiert, dass sie sich nicht an bestimmte, einschränkende Methoden und Vorgaben hält, sondern durch vielseitige Fragestellung gekennzeichnet ist. Hat man eine Philosophie, hat man eine offene Art und Weise an Situationen heranzugehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden ins ethische Weltbild integriert.
Ein Beispiel
Meine Erziehunsphilosophie besagt, dass ich mich der Lerngesetze bediene, um ein soziales, liebevolles und bedürfnisorientiertes Zusammenleben mit meinem Hund herzustellen. Lerngesetze sind relativ fix. Jedes lernende Lebewesen ist Lerngesetzen unterworfen.
Grob zusammengefasst geht es beim Lernen hauptsächlich (aber nicht ausschließlich!) um die Art der Konsequenz auf Verhalten. Es gibt grundsätzlich Konsequenzen, die dazu führen, dass Verhalten häufiger gezeigt wird. Diese Konsequenzen nennt man "Verstärkung". Sowohl das Hinzufügen einer angenehmen Konsequenz, als auch das Entfernen einer unangenehmen Konsequenz dienen also dem Verhaltensaufbau.
Zudem gibt es Konsequenzen, die dazu führen, dass Verhalten seltener oder gar nicht mehr gezeigt wird. Hier spricht man von "Bestrafung". Bestrafung bedeutet, auf ein Verhalten folgt entweder eine unangenehme Konsequenz, oder das Verhalten führt dazu, dass etwas Angenehmes entzogen wird. Nutze ich nun diese Lerngesetze, um sie in meine Vorstellung von ethisch korrekter Hundeerziehung zu integrieren, lege ich mein Hauptaugenmerk auf Belohnung und Fokussierung des richtigen Verhaltens.
Meine Philosophie von richtig und falsch sagt mir, dass ich kein Recht dazu habe, einem Lebewesen etwas Unangenehmes anzutun oder ihm etwas Angenehmes zu entziehen, da es nicht aus Eigennutz, Habgier, bösem Willen, etc handelt, sondern lediglich Verhalten zeigt, das für es gerade Sinn ergibt. Der Gebrauch von positiven und negativen Verstärkern aufgrund meiner philosophischen Weltanschauung ist hochgradig situationsabhängig und bietet keinerlei Vorgaben. Hier bewahre ich den Blick für Individualität und lasse Hirn und Herz eingeschaltet, um offen und reflektiert zu handeln.
Ich kann zum Beispiel einem Hund, der Besucher anspringt, ein belohntes Alternativverhalten vorschlagen, bevor er springt, sodass er gar nicht auf die Idee kommt, zu springen. Oder aber ich belohne jeden Augenblick, in dem der Hund nicht springt. Oder aber ich gebe meinem Hund die Möglichkeit, seine überschäumende Energie an einem Spielzeug auszulassen.
Noch ein Beispiel: Eine andere Erziehungs"philosophie" besagt, dass ich mich in Erziehungsangelegenheiten am Vorbild Wolfsrudel orientiere. Was wir an Wolfsrudeln beobachten können ist auch relativ fix. Es gibt Abhandlungen darüber, welche grundsätzlichen Kommunikationsmöglichkeiten hauptsächlich von Wölfen ausgeschöpft werden in Situationen, die man grob und mit ein bis zwei zugedrückten Augen auf Situationen übertragen könnte, die im Zusammenleben von Mensch und Hund aufkommen.
In der Regel handelt es sich hierbei um Situationen, die einen nach unseren Vorstellungen erzieherischen Charakter haben. Erzieherischen Charakter haben zumeist Situationen, in denen einem jüngeren Wolf "die Leviten gelesen werden".
Hält man sich in jeder Situation, in der ein Hund etwas tut, was man nicht möchte, an die vorgegebenen Kommunikationsmuster, ans "wölfische Levitenlesen", bedient man sich also ähnlicher Verhaltensweisen, wie man sie bei Wölfen in "ähnlichen" Situationen sehen würde, so haben wir es hier mit einem Dogma zu tun.
Das "Levitenlesen" ist nichts anderes, als der Gebrauch von Bestrafung und wieder sind wir im Bereich der Lerngesetze.
Für ein Dogma ist aber der Gebrauch der Lerngesetze zu wenig konkret. Wir brauchen konkrete Handlungsvorgaben, die einzuhalten sind, selbst wenn man eigentlich das Gefühl hat, dass es vielleicht auch andere Möglichkeiten gibt.
Wenn Informationen über Lerngesetze so "zurecht argumentiert" und verdreht werden, dass man sie mit vielen Wenn und Aber in eine Vorstellung von ethisch korrektem Umgang mit Hunden drücken und zwängen kann oder wenn das Gegenüber versucht einem das Gefühl zu geben, Entscheidungen würden konform gehen mit einer angepassten ethischen Vorstellung von Hundeerziehung, dann haben wir es nicht mehr mit einer Philosophie zu tun. Hier ist die Grundlage des Handelns Glaube.
Der Glaube daran, dass es schon rechtens sein wird, wenn Wölfe untereinander ähnlich "erziehen". Zu der Frage, welche Gründe es gibt, einen Hund wie einen Wolf zu behandeln oder das Verhalten eines Wolfes in seiner natürlichen Umgebung "Wolfsrudel" als Erklärungsmodell für Verhalten des Hundes in seiner natürlichen Umgebung "Sozialgemeinschaft mit dem Menschen" zu nutzen, bieten zum Beispiel folgende Werke:
- John Bradshaw - "In Defence of dogs"
- James O'Heare - "Die Dominanztheorie bei Hunden"
Selbst wenn man mithilfe von Denken und Analysieren Argumente für einen direkten Vergleich und für direkte "Erziehungs"parallelen finden könnte, so findet der Begriff "Philosophie" genau dann ein Ende, wenn ein Hinterfragen von Handlungsvorgaben nicht mehr erwünscht ist, weil alles ausschließlich mit den Erklärungsmodellen aus diesem einen speziellen Gebiet erklärt werden muss.
So wird ein Hund, der im Laufe seines Lebens für das Anspringen von Menschen mehr Aufmerksamkeit und "Bestätigung" erhalten hat, als fürs "Nicht Anspringen", schnell mal zum dominanten Hund, der die Alpharolle des Rudelführers "Mensch" in Frage stellt und als Handlungsvorgabe gibt es lediglich das Demonstrieren seines Alphastatus' mithilfe von einschüchternden und unterdrückenden Methoden, die wölfischem oder hündischem Verhalten sehr grob abgekupfert werden.
Man kann nur an etwas glauben, was greifbar ist. Ein konkretes Dogma ist viel greifbarer, denn es gibt Handlungsmuster vor, an die man sich nur halten muss und schon fühlt man sich sicher. Eine Philosophie gibt lediglich die Richtung vor. Eine Philosophie fordert zum Fragen auf.
Wenn Sie einen Hundetrainer kennenlernen, der eine bestimmte Trainingsphilosophie verfolgt, vergewissern Sie sich, dass es sich wirklich um eine Philosophie und nicht um ein Dogma handelt, an das Sie glauben und sich halten sollen, da es unumstößlich und die einzige Wahrheit ist.
Fallen Sie nicht darauf herein, dass der Glaube an ein einzig wahres Erziehungsprinzip der Schlüssel zu einem gut erzogenen Hund ist. Der Schlüssel zu einem gut erzogenen Hund liegt in Ihnen ganz allein. In Ihrer Fähigkeit, sich auf die Bedürfnisse Ihres Hundes einzustellen, um sein Verhalten und auch Ihres nach bestem Wissen und vor allen Dingen nach bestem Gewissen so zu verändern, dass Sie gut miteinander auskommen.
Philosophieren Sie über Erziehung, anstatt an Dogmen zu glauben.
Zur Person
Denise Lichtenstein, www.dailydogs.de
Hundetrainerin und Inhaberin der mobilen Hundeschule Daily Dogs in Kiel ist Mitglied der Pet Professional Guild und arbeitet absolut gewaltfrei und auf Basis Positiver Verstärkung. Sowohl Basiserziehung von Welpenbeinen an, als auch der Umgang mit Probleme verursachendem Verhalten und sinnvolle Beschäftigung werden stets in den individuellen Alltag integriert. Ihr besonderes Interesse liegt bei dem Training mit jagdlich motivierten, impulsiven, ängstlichen und aggressiven Hunden. Sie bildet sich laufend weiter und tauscht sich regelmäßig aus, dank weltweitem Trainernetzwerk.