Crossover: 1. Teil
Dominanztraining -
der Wunsch nach Respekt
Das Wort "Dominanz" ist für viele Tierhalter untrennbar mit der Forderung nach Respekt verbunden. Als ich genau hinsah, reflektierte ich, dass auch ich mir "Respekt" von meinem Tier wünschte. Respekt bedeutet bei uns in der Landwirtschaft vor allem, dass ein Tier ausreichend Abstand zum Menschen hält, wenn er das möchte.
Dieser Abstand ist aus Sicht des Landwirts einfach ein notwendiger Überlebensinstinkt, denn ein 400 kg Eber mit Hauern, eine 250 kg Sau in Schwung, ein "trittsicheres" 400 kg Pferd oder eine 600 kg Kuh in Bewegung in einem engen Gang werden schnell gefährlich.
Die Dominanz-/Rangordnungslehre ist in der Landwirtschaft allgegenwärtig und ist für den Landwirt auch in Herden unter den Tieren beobachtbar, wenn sie nicht gerade zimperlich miteinander umgehen. So ist es im Stall und auf Weiden gängige Praxis Tiere einfach zu "verscheuchen". Genau genommen handelt es sich hierbei um Bedrohung, denn es folgen negative Konsequenzen, wenn ein Tier den Abstand zum Menschen nicht einhält. Obwohl man Tierkontakt z.B. beim Melken benötigt - sollen Tiere in manchen Situationen nicht zu nahe zu kommen und müssen auf Wunsch ausweichen! Aber ständig einen solchen "Silberrücken" (= Gorilla-Männchen, dass sich auf die Brust trommelt um Beachtung zu finden) darzustellen ist anstrengend und letztendlich bedeutete es nach meiner Erfahrung Stress für Mensch und Tier. Unter Stress lernt es sich nicht gut.
Dass es auch anders geht, lernte ich durch Johanna von Isalohr, die meinen vormals "büffeligen" Wallach von sich aus mit einer in kleine Stückchen geschnittenen Karotte in einer einfachen Clickerübung dazu brachte "höflichen" Abstand zu halten. Diese einschneidende Erfahrung führte dazu, dass es in meinem Kopf "Click" machte und ein Umdenken bewirkte:
1. Ich wünsche mir einen entspannten Umgang mit Tieren.
Training über positive Verstärkung ist ein Weg ohne andauerndes Drohen und Strafen. Tiere können mit Freude und Vertrauen zum Menschen erwünschtes Verhalten lernen.
2. Der Weg weg von Strafe hin zur positiven Verstärkung (=Crossover) "nimmt mir nichts weg". Im Gegenteil, er stellt mir mehr Trainingswerkzeuge zur Verfügung. Ich darf auch weiterhin auf “Managementmaßnahmen“ zurückgreifen, wenn es darum geht, untrainierte oder gestresste Tiere in gefährlichen Situationen zu managen oder fremde, respektlose Tiere abzuwehren.
Viel Spaß und Erfolg auf Ihrem Weg als Crossover-Trainer, einem entspannten Lernen von und mit Tieren wünscht Ihnen Jessie, die immer noch auf dem Weg des Umdenkens ist.
Zur Person
Jessie Becker
Jessie stammt aus der Landwirtschaft und arbeitet zusammen mit ihrem Mann Jochen auf ihrem Hof mit Tieren. In ihrer mobilen Tierarztpraxis hat sie viel zu tun mit unterschiedlichen Menschen und Tieren. Jessie hat einen 6jährigen Sohn lebt seit ihrer Kindheit mit Haustieren, Hunden und Pferden.
Weitere Beiträge von Jessie
Lesenswerte Artikel unserer Gastautoren:
- Anja Kiefer:
Herz und Technik - Tierfotografie - Boris Boochs:
Mach' schön Bleib... - Dr. Ute Blaschke-Berthold:
Motivation, Bedürfnisse und Verstärker - Dr. Ute Blaschke-Berthold:
Konditionierte Entspannung - Dr. Ute Blaschke-Berthold:
Rasseportrait Rhodesian Ridgeback - Conny Fielbrandt:
Warum Schmerzen Verhalten beeinflusst - Daniela Gassmann:
Alte Hunde - Daniela Gassmann:
Tiere, Tod und Trauer - Eva Zaugg:
Zeigen & Benennen – Kommunikation mit dem Hund - Gerd Schreiber:
Hunde vermenschlichen?! - Ines Scheuer:
Beschäfgigung –
die richtige Balance - Ines Scheuer:
Wandern mit Hund - Jessie Becker:
Dominanztraining - Der Wunsch nach Respekt - Kirsten Demski:
Nasentier Hund - Auf die Plätze, fertig, Schnüffeln! - Manuela Zaitz:
Der kriegt den Hasen doch eh nicht! - Sonja Meiburg:
Der richtige Click-Zeitpunkt - Sonja Meiburg:
Futter ist nicht genug - Tanja Bischof:
Team sein! - Tanja Bischof:
Hundebegegnungen beim Spaziergang - Tina Müller:
Darf man Hunde scheren?