Freilaufende Hunde
und ihre Menschen

Haben Sie sich auch schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass Ihnen häufig Menschen mit ihren Hunden begegnen, die ihre Hunde die meiste Zeit des Spaziergangs unangeleint frei laufen lassen? Was sind Sie für ein Typ? Lassen Sie Ihren Hund häufig von der Leine? Sprechen Sie ihn dann öfter an und üben etwas mit ihm oder geht er eher seinen und Sie Ihren Weg? Es ist spannend, verschiedene Menschen und Hunde zu beobachten und sich einmal Gedanken über unterschiedlichste Konstellationen zu machen.
Zwei Konstellationen möchte ich hier exemplarisch aufzeigen:
1. Konstellation:
Der Hund hört sehr gut und ist fast immer kontrollierbar. Der Mensch am anderen Ende der Leine handelt vorausschauend und nimmt Rücksicht auf andere Hundehalter und Tiere. Das sind natürlich die angenehmsten Freiläufer unter den Hunden. Kommt ein angeleinter Hund entgegen, nimmt der Halter seinen Hund zur Seite oder leint ihn auch an. Manche Menschen fragen auch, ob ihr Hund Kontakt haben darf.
2. Konstellation:
Aber auch Hunde, die nicht gut hören und einfach ihres Weges gehen, sehen wir auf unseren Spaziergängen häufig. Der Hund macht was er möchte, bleibt meistens in der Nähe des Menschen, verschwindet jedoch auch schon einmal außer Sicht und schließt dann wieder auf. Überwiegend treffe ich „nette“ Hunde, die auf den ersten Blick mit anderen Hunden keinen Streit vom Zaun brechen. Sie rennen auf jeden Hund freundlich zu und laden zum toben und spielen ein. Andere Hunde begrüßen gerne jeden fremden Spaziergänger stürmisch. Der Hundehalter denkt sich nicht viel dabei, schließlich „tut der ja nichts“ und „will nur spielen“.
Meine Tinka reagiert manchmal nicht sehr freundlich darauf, wenn ein anderer Hund stürmisch und ungebremst auf sie zu rennt. An der Leine bellt sie dann schon manchmal oder schnappt in die Luft. Tinka würde nicht so reagieren, wenn der entgegenkommende Hund etwas langsamer Kontakt aufnehmen und sie nicht so massiv bedrängen würde. Mir ist das unangenehm, denn in diesem Moment habe ich, oberflächlich betrachtet, den unhöflichen bzw. „aggressiven“ Hund – sozusagen den „Schwarzen Peter“.
Tinka und Max sind Jagdhunde, weshalb sie in sehr wildreichen Gegenden an der Leine laufen. Wenn es unübersichtlich ist oder ich viele unbekannte Hunde treffe, leine ich meine Hunde aus Rücksicht auch lieber an. Ich selbst empfinde das nicht als schlimm, denn wo es passt, dürfen sie jederzeit frei laufen.

Ins Gespräch gekommen mit einigen Menschen, die ihre Hunde sehr oft ohne Leine laufen lassen, höre ich immer wieder Argumente wie: „Hunde müssen frei sein“, „Ich übe eine spirituelle Führung über meinen Hund aus, wir sind immer miteinander verbunden“, „Mein Hund tut doch niemandem etwas“ oder auch „Mein Hund hört doch immer auf mich, ich bin ja schließlich ranghöher“.
Sogar die Aussage: „Mein Hundetrainer sagt, dass es Tierquälerei wäre, Hunde selten frei laufen zu lassen“ habe ich schon gehört.
Nun frage ich mich, was steckt hinter diesen Aussagen?
Die einfachste Erklärung ist: Es ist einfach angenehmer, wenn ein Hund, der es nicht gelernt hat, an der Leine zu laufen, frei läuft. So ein Hund kann schon nicht an der Leine ziehen und „nervt“ seinen Menschen, der mit ihm läuft, weniger. Dazu kommt Gedankenlosigkeit, denn dass die entgegenkommenden Menschen mit oder ohne Hund nicht immer begeistert sind, wenn ein unbekannter Hund ungefragt heran läuft, kann sich scheinbar nicht jeder Halter ausmalen.
Einen Hund frei laufen zu lassen und ihn zu „dirigieren“ hat auch etwas mit Machtausübung zu tun. Der Mensch kann ein Tier steuern, Tiere sind jedoch Lebewesen, die ihre eigenen Vorstellungen haben. Wer das „steuern“ kann, ist sehr mächtig.
Sehr häufig hatte ich das Gefühl, dass es um Liebe geht, die der Mensch von seinem Hund erwartet. Wenn er mich liebt, dann hört er auf mich, dann bin ich sein „Hunde-Führer“. Hier klingen religiöse, überartliche Kommunikationsbedürfnisse durch, die in der heutigen Welt, in der jeder seinen eigenen Sinn suchen darf, sicher immer wichtiger werden.
Das Argument, dass es Tierquälerei wäre, den Hund nicht ständig frei laufen zu lassen, finde ich besonders spannend, weil ich das am wenigsten nachvollziehen kann. Als Halter bin ich dafür verantwortlich, dass mein Hund sich genügend bewegen kann. Wenn mein Hund gut abrufbar ist, dann kann ich ihm Freilauf dort gewähren, wo es übersichtlich ist und ich keine anderen Menschen oder auch Tiere störe. Wenn er nicht gut abrufbar ist, dann kann ich ihm alternativ Bewegungsmöglichkeiten bieten, wie zum Beispiel Fahrradfahren oder Freilauf in einem eingezäunten Grundstück.
An der Leine laufen bedeutet doch nicht, dass der Hund die ganze Zeit bei Fuß laufen muss. Eine lockere Leine, z.B. eine Schleppleine oder, wenn ich alleine unterwegs bin, auch eine Flexileine, gewähren dem Hund die Möglichkeit, seinem Umwelterkundungsverhalten nachzugehen.
Aber möglicherweise geht es hier doch eher um ein Machtgefühl. Vielleicht soll damit ein Besser-Schlechter Gefälle ausgedrückt werden? Der „bessere“ Hundehalter, die „bessere“ Hundeschule lässt die Hunde frei laufen und die, die nicht so gut sind, die können das halt nicht.
Ich frage mich: „Ist derjenige, der mit seinem Hund den Rückruf nicht gut genug übt, wirklich der schlechtere Hundefreund?“ oder „Kann es nicht auch sein, dass es Hunde gibt, die aufgrund ihrer ausgeprägten Jagdleidenschaft, einfach nur bis zu einem gewissen Maß trainierbar sind?“
Auch der Hund, der ansonsten super hört, kann einmal einen schlechten Tag haben und dann eben nicht sofort auf unsere Kommandos reagieren. Wir Menschen reagieren ja auch an manchen Tagen schneller und an manchen eben langsamer. Schon aus dieser Überlegung heraus, leine ich nicht an allen Tagen und überall meine Hunde ab, sondern achte sehr genau auf die Tagesverfassung meiner Hunde und auf die Umgebung, wie viele Fehler meine Hunde dort gefahrlos machen können.
Es würde mich freuen, wenn diese Thematik weniger emotional angegangen werden würde und nur die Hunde freilaufen dürfen, die auch wirklich zuverlässig hören und die, die nicht so gut hören einfach an die Leine genommen werden. Je nach Tageszeit, Jahreszeit, Tagesform des Hundes, Auslaufgebiet und Situation kann man individuell einschätzen, ob man dem Hund Freilauf gönnen kann. Das ist doch nicht wirklich ein Zeichen der Schwäche oder des Versagens, sondern eine Frage der Höflichkeit der Umwelt gegenüber, oder?
Ich wünsche Ihnen sonnige und entspannte Spaziergänge mit schönen Hundebegegnungen.
Zur Person
Johanna von Isalohr
Johanna von Isalohr, 37 Jahre, lebt zusammen mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern, dem Weimaranerrüden "Max", Jagdhundmixhündin "Tinka" und ihrem Kurzhaarkater "Mogli" in Erlangen. Ihre Familie und ihre Tiere liegen Johanna sehr am Herzen.
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